Arbeitswelt in Deutschland: zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Die Studie „So arbeitet Deutschland“ untersucht seit drei Jahren das aktuelle Stimmungsbild der Arbeitnehmer und Freelancer in Deutschland. Dabei zeigt sich, wie die Corona-Pandemie Schwachstellen aufdeckt, zeitgleich aber auch ganz neue Chancen bietet. Eins ist dabei sicher: ein Wandel der Arbeitswelt steht unumgänglich bevor.

Viele Arbeitnehmer arbeiten derzeit im Home Office. Vor ein paar Jahren war der Begriff „Home Office“ dabei für viele Arbeitgeber noch ein No-Go. Präsenzzeit war das Maß der Dinge, schließlich kann man sich ja nie so sicher sein, was der liebe Angestellte so tut, wenn man ihm nicht jederzeit über die Schulter blicken kann. In Zahlen heißt das, dass 2017 lediglich 12 Prozent der Arbeitnehmer außerhalb des Büros arbeiten durften. Mit der Corona-Pandemie mussten viele Arbeitgeber nun aber wohl oder übel in den sauren Apfel beißen, da es im Unternehmen teilweise nicht möglich war die Hygieneregeln einzuhalten.

Die Studie „So arbeitet Deutschland“ geht der Frage nach, wie Angestellte aktuell arbeiten und was sie sich für die Zukunft wünschen. Bezogen auf Remote Work hat sich in den letzten Monaten herausgestellt, dass die Arbeit im Home Office weitaus besser läuft, als von vielen Führungskräften befürchtet. Erste Anlaufschwierigkeiten wie stockende Videokonferenzen oder der improvisierte Arbeitsplatz am Esstisch sind mittlerweile behoben und Arbeitnehmer wie Arbeitgeber haben einen funktionierenden Ablauf gefunden.

Home Office als Chance begreifen

Daraus geht der Wunsch hervor, dass auch nach der Pandemie eine flexible Home Office Regelung bestehen bleibt. So möchte kaum jemand permanent von Zuhause aus Arbeiten, aber zwei bis drei Tage die Woche aus dem Home Office scheint für viele die ideale Lösung. Dabei können Mitarbeiter nicht nur fokussierter Arbeiten, auch die Umwelt profitiert laut Greenpeace, da weniger Pendler mit dem Auto ins Büro fahren. Da längeres Pendeln sich ebenso auf den Stresspegel auswirkt, könnte also mit einer ausgeglichenen Home Office Regelung sowohl die Mitarbeitergesundheit als auch der Umweltschutz gefördert werden.
In Zeiten, in denen Unternehmen um gut qualifizierte Mitarbeiter kämpfen müssen, wird der Arbeitsort eine immer wichtigere Rolle für Bewerber spielen.

Ein weiterer zentraler Punkt der Studie „So arbeitet Deutschland“ ist die Gleichberechtigung. Denn was die Corona-Pandemie auch gezeigt hat, die vorherrschende Ungerechtigkeit gegenüber Frauen im Beruf. Das beginnt mit der minderen Bezahlung von den Berufen, die hauptsächlich von Frauen ausgeführt werden und gipfelt in der noch oft vorherrschenden Doppelbelastung, da Frauen meist noch immer den Hauptanteil in Kinderbetreuung und Haushaltsführung übernehmen.

Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen steckt noch in den Kinderschuhen

Betrachtet man den Gender Equality Index von 2019, der von der EU herausgegeben wird, wird dies bestätigt. Dort liegt Deutschland mit 66,9 von 100 Punkten auf Rang 12 aller EU-Länder und sogar 1,4 Punkte unter dem EU-Durchschnitt. Und das obwohl 91% der Befragten angaben, dass sie eine unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen am Arbeitsplatz ablehnen.

60% der befragten Frauen bestätigten schon einmal wegen ihres Geschlechts am Arbeitsplatz diskriminiert worden zu sein. Diese Diskriminierung erfuhren die Befragten vor allem beim Gehalt (52%) und bei den Beförderungschancen (31%). Ebenso wurden 23% der Frauen bei der Verteilung von Aufgaben und Projekten übergangen und ihre männlichen Kollegen bevorzugt.

Jene männlichen Kollegen (zumindest 20% von ihnen) fühlen sich zudem dahingehend benachteiligt, dass sie weniger Lob und Anerkennung erhalten, als weibliche Angestellte. 61 % der weiblichen Befragten, aber nur 50 % der männlichen Studienteilnehmer wünschen sich eine Unternehmenskultur, in der Chancengleichheit gefördert wird.

Aktuelle Lage wahrnehmen und dann besser machen

Sich diesen noch existierenden Differenzen bewusst zu werden, ist die Aufgabe vieler Unternehmen. Durch die Pandemie haben sich viele Arbeitnehmer mit den eigenen Arbeitsbedingungen auseinandergesetzt und die eigenen Umstände reflektiert.

Doch noch wichtiger als das Bewusstsein für diese Themen ist, dass auch gehandelt wird. So sollte die Bewertung ausschließlich auf der Arbeitsleistung beruhen. 52 % aller Befragten wünschen sich zudem, dass ein Arbeitstag nicht nach dem Absitzen einer gewissen Stundenzahl endet, sondern nach der Erledigung gesetzter Aufgaben.
Die Umsetzung dieser New Work Ziele kann nur erfolgen, wenn das Management als Vorbild voranschreitet. So sehen das auch 70 % der Befragten. Sie sind der Meinung, dass Impulse für mehr Geschlechtergerechtigkeit von der Führungsetage eingebracht werden müssen. Förderung von Frauen, Gleichbehandlung und flexible Arbeitsplatzmodelle können nur gelebt werden, wenn das Management vollkommen dahintersteht. Statt den Mitarbeiter einzig und allein in Stundenlohn gegenzurechnen, lohnt es sich Wünsche der Mitarbeiter zu realisieren, um so die Motivation zu steigern.

Fazit: Wünsche der Arbeitgeber sind keine Utopie

Insgesamt können Arbeitgeber aus den Studienergebnissen von „So arbeitet Deutschland“ wichtige Erkenntnisse ziehen: Digitalisierung ermöglicht einen ausgeglichenen Anteil von Home Office Tagen für Büroangestellte und wird mehr und mehr zum Argument für ein Unternehmen zu arbeiten.

Bei der Arbeitszeiterfassung zeigt sich hier eine deutliche Tendenz der Arbeitnehmer zum Modell „job done“. Die größte Herausforderung wird es sein, die Chancengleichheit von Männern und Frauen in der Arbeitswelt umzusetzen. Dabei kann eine Frauenquote helfen. Denn auch wenn die „Quotenfrau“ zunächst eher negativ wahrgenommen wird, hilft sie anderen Frauen als Vorbild und Orientierung. Wenn Frauen in Führungspositionen arbeiten, werden andere viel eher die Chancen ergreifen und die eigenen Führungspotentiale wahrzunehmen.

 

Quelle: „So arbeitet Deutschland“-Studienreihe, bei der SThree regelmäßig die Wunscharbeitswelt von Arbeitnehmern und Freelancern in Deutschland mit deren Wirklichkeit vergleicht. Für die aktuelle (siebte) Edition wurden in Zusammenarbeit mit Kantar 1.990 Angestellte und Freelancer aus der IT-, der Ingenieur-Branche sowie einem Querschnitt aller weiteren Branchen befragt.